Worte sind die mächtigste Droge, welche die Menschheit benutzt.

Joseph Rudyard Kipling, *30.Dez.1865, †18.Jan.1936, Britischer Schriftsteller und Dichter

Schreiben kann man überall.
Wollen wir hoffen, dass es mir nicht wie ihm ergeht! "Der Arme Poet"

Eins meiner Lieblingsbilder von Franz Karl Spitzweg, (* 5. Februar 1808 in Unterpfaffenhofen; † 23. September 1885 in München), deutscher Maler.

Balsam für mein Ego

 

Ich schrieb mit Mitte zwanzig meine Autobiographie! Doch hatte ich außer Abitur und Vordiplom noch nichts auf die Beine gestellt. Ich schrieb, weil mein Arzt dazu aufgefordert hat: „Schreiben Sie ein Revers-Tagebuch. Starten sie mit der Zeit vor Beginn ihrer Erkrankung. Das kann bei der Ursachenforschung ihrer psychosomatischen Beschwerden hilfreich sein.“

Zögernd und voller Zweifel begann ich. Plötzlich packte mich das Fieber, Seite um Seite, Zeile um Zeile, Wort für Wort. Ich konnte nicht mehr aufhören. Ich schrieb morgens beim Frühstück, im Bus, in der Mittagspause bei der Arbeit, abends anstelle lesen oder fernsehen. Wenn ich einmal keine Zeit für mein Tagebuch hatte, war ich schlichtweg sauer. Ich merkte, wie viele kleine Erlebnisse ich doch hatte, die tatsächlich große Geschichten waren. Da begann ich mich an das Schreiben zu erinnern.

 Bereits in der Grundschule wollte ich Autor werden, denn wenn sich die tollen Geschichten, die ich sie las - und ich las alles, was ich in die Finger bekam - in den Köpfen der Autoren abspielten, dann wäre Schriftsteller zu sein sicher die Erfüllung, dachte ich.

Hier und da gab es auch Zeitungsmeldungen von jugendlichen Ausnahme-Autoren, die – kaum konnten sie lesen – schon ihren ersten Roman veröffentlichten. Ich spürte Neid und Verzweiflung, weil ich nicht wusste, wie das geht. Noch dazu schrieb ich Kurzgeschichten. Wie bastelt man da einen Roman draus? Schul-Workshops zum Thema „Kreativ Schreiben“ haben damals noch viele Jahrzehnte auf sich warten lassen.

So manch eine meiner Schulkameradinnen wurde von den Eltern aufgefordert, Geschichten für die jüngeren Geschwister zu schreiben und ihnen diese vorzulesen. Mir fehlte leider ein solches Opfer, daher nahm ich das Angebot von meiner Grundschullehrerin gerne an, für Fleißpunkte kleine Geschichten zu schreiben. Jetzt auch noch für das Schreiben belohnt zu werden, das war fast ein kleines Wunder. Noch mehr Wunder: sie las meine Text und sie lobte mich sogar öffentlich für meine Erzählungen.

In der Schule liebte ich Aufsätze auf Deutsch, später auch auf Französisch und Englisch. Besonders im Deutschen konnte ich mich richtig austoben. Weniger mochte ich allerdings Interpretationen. Für mich war die Auslegung von Literatur nach Interpretationshilfen immer ein Gräuel. Auch ein Musiker muss ein Stück auf die ihm eigene Weise interpretieren, denn davon lebt die Musik. Ein Text ist für mich wie ein Bild, der Betrachter muss fühlen, muss spüren, was das Werk bei ihm auslöst. Es macht schließlich Sinn, dass Menschen mit unterschiedlichem Entwicklungshintergrund auch verschiedene Sichtweise haben.

Während der Gymnasialzeit entwickelte ich mich zu einer begnadeten „Heimlich-Briefchen-Schreiberin“ – ich schrieb immer viel und unterhaltsam. Ohne diese Zettelchen wäre ich in der Schule wohl geistig verhungert. Natürlich habe ich auch den Nervenkitzel beim Weitergeben und Lesen geliebt. Aber das Beste blieb immer das Schreiben. Hätte es zu dieser Zeit schon SMS gegeben, hätte ich recht früh in meinem Leben Bankrott anmelden müssen, denn diese kurzen Mails blind und in Rekordzeit zu tippen, wäre Futter für meinen Wettkampfgeist gewesen und ich wäre ein potentieller Gast für „Wetten dass...“ geworden, selbstverständlich nach entsprechender - leider kostenpflichtiger - Übungszeit.

Heute reicht mir der normale Platz, den die SMS bieten, einfach nicht aus. Ich habe mehr zu sagen als 160 Zeichen. Der Trick, alles abzukürzen und ohne Leerzeichen zu verfassen, macht aus den meisten Nachrichten eher ein zeitaufwendiges und schlechtes Rätsel. Auch die Angewohnheit den Text in mehreren Teilen nacheinander zu schicken, und so beim Empfänger den Speicherplatz zu sprengen, ist eine Unsitte. Eine SMS ist nun mal kein Fortsetzungsroman.

Lange Jahre war ich eine gern gelesene Briefpartnerin für meine internationalen Brieffreundschaften. Ich bin nicht sicher, ob im Email-Zeitalter diese Freundschaften so lange gehalten hätten. Briefe haben etwas Verbindliches und an der Handschrift kann man erkennen, ob sich der Absender gerade wohl fühlt, in Eile ist oder sich ärgert. Ich kann die Briefe in meiner Kiste sammeln, sehe schon an der Schrift, wer der Absender ist und die Briefe sind mit ihren Stimmungen dann noch da, wenn die Emails längst gelöscht sind.

Wie wohl jeder Teenager hatte auch ich schon einmal Tagebuch geführt. Das geliebte Buch, im allergeheimsten Versteck, war zu Teenager-Zeiten mein Vertrauter, viel enger, als die beste Freundin. Ich brachte meine geheimsten Wünsche und dunkelsten Gedanken zu Papier. Mal entstand ein Thriller, mal eine Liebesgeschichte. Und alles mit mir als Hauptdarsteller! Gerade weil diese Geständnisse so spektakulär waren, durfte niemand es finden. So habe ich mein Tagebuch eines Tages zerrissen und die Schnipsel in den Papierkörben unseres Viertels verteilt.

 

Das, was ich mit Mitte zwanzig ins Revers-Tagebuch schrieb, war schlicht und ergreifend auch das Spannendste, was ich in den Jahren davor erlebt hatte. Ich sah, dass mein Leben keineswegs ereignislos und langweilig war. Je mehr ich schrieb, desto mehr erinnerte ich mich an weitere Ereignisse und plötzlich erkannte ich auch die Entscheidungspunkte, an denen ich den Erzählungen, also meinem Leben, eine andere Wendung geben konnte. Meine neue Erkenntnis hatte zur Folge, dass ich mein Leben komplett umkrempelte. Ich trennte mich, nach zehn gemeinsamen Jahren, von meinem Freund, zog von der Stadt weg und strukturierte mein Leben völlig neu. Der Erfolg war berauschend, nach vielen schmerzreichen Jahren, physisch wie psychisch, lies die Pein langsam nach.

Ab diesem Zeitpunkt lies mich das Tagebuchschreiben nicht mehr los. Ich nannte es Lösungsbuch schreiben und die berühmten Schuppen vielen mir häufig von den Augen.

Eines weiß ich gewiss: sollte ich jemals in die Verlegenheit kommen zu heiraten, werde ich die Antwort auf die berühmte Frage sicherlich in meinem Lösungsbuch finden.

 

 

 

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Muss es denn ein Roman sein?                                                                                                                                     

Glosse für Karla Schmidt

 

„Muss es denn ein Roman sein?“ fragte mich meine Freundin oft. Du schreibst so tolle Kurzgeschichten, warum lässt Du die nicht endlich mal veröffentlichen? Warum muss Dein Debüt unbedingt ein Roman sein? Heutzutage hat ohnehin kaum noch einer Zeit lange Romane zu lesen, das sagt sogar Dein heiß geliebter Literaturpapst Marcel Reich-Ranicki. Häppchenkost ist angesagt, du liegst voll im Trend.“

„Das habe ich mir zwar auch schon überlegt, aber meine innere Stimme schreit: “Roman“ und diese Stimme lügt nie,“ sage ich lächelnd. „Wenn du etwas magst, sogar liebst, möchtest Du es doch für eine lange Zeit, sogar für immer haben. Eine Kurzgeschichte ist wie eine sehr kurze Liebe, kaum fühlst und denkst du wie der Protagonist, schon holt dich das Ende ein.“

„Trotzdem ist mir eine kurze, heiße Affäre lieber, als eine Geschichte, die sich ewig zieht.“

„Uns ist es angeboren, nach stabilen, festen Beziehungen im Leben zu suchen. Die kurzen Begegnungen sind schnell vergessen. Genauso ist es mit den Kurzgeschichten und dem Roman. Hast du einige kurze Texte gelesen, dann wirst dich kaum noch an die Titel der ersten erinnern. Der Roman begleitet dich nicht nur ein paar Minuten, er wird auch morgen noch auf dich warten. Du weißt, wer auf dich wartet, du fieberst, dass der Protagonist den richtigen Weg wählt, den du als Leser für ihn vorgesehen hast. Der Titel wird dich noch lange begleiten, lange nachdem du das Buch ausgelesen hast, er sitzt fest in deinem Kopf. Wenn du den Roman zu Ende gelesen hast, dann wirst du enttäuscht sein. Nicht weil die Geschichte schlecht war, sondern weil du etwas verlierst: eine Liebe, Personen, die dir fast vertrauter sind, als deine eigene Familie, eine Landschaft, oder was immer du in dem Roman gefunden hast. Aber nicht nur dir als Leser geht es so. Wenn ich eine Kurzgeschichte schreibe, verführt sie mich ein Ende zu setzen, dann bin ich leer, ausgepowert. Erst nach einer Weile kann ich mich wieder an einer neuen Geschichte festbeißen. Bei dem Roman, den ich schreiben möchte, entwickelt sich alles, alles ist im Fluss. Und trotzdem, jeden Morgen wenn ich mich an meinen Schreibtisch setze, komme ich heim. Ich schlüpfe in meinen Protagonisten und frage: was möchtest du als nächstes tun? Vielleicht habe ich 100 Seiten geplant, doch auf Seite 98 wird sich eine erstaunliche Wendung ergeben und der Held wird sich weitere 20 Seiten bewähren müssen und das tut er gerne. Und ich bin froh, dass er sich auch an diesem Tag auf mich einlässt und schenke ihm weitere 20 Seiten,“ schmunzele ich am Ende.

 

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